Aufhören, wenn es am schönsten ist

Ende einer großen Karriere: Lisa Brennauer vom Team Ceratizit – WNT Pro Cycling hängt die Rennradschuhe an den Nagel. Wir haben wenige Tage nach ihrem letzten Profi-Rennen mit ihr gesprochen.

Lisa, wie hast du die ersten Tage im Radsport-Ruhestand verbracht?

Ich hatte zum Glück gleich ein paar sportliche Termine, so bin ich nach dem Hype der European Championships nicht in ein Loch gefallen. Als ich erstmal zuhause war und verstanden habe, dass das jetzt mein letztes Rennen war, kamen die Emotionen schon noch mal hoch. Aber ich bin noch lange nicht in meinem neuen Lebensabschnitt angekommen. Ich muss erst noch realisieren, dass das jetzt nicht einfach nur eine vorgezogene Winterpause ist. Doch es geht mir sehr gut damit.

Bei der EM in München hast du dein letztes Profirennen mit einem vierten Platz im Straßenrennen beendet. Was ging dir durch den Kopf, als du im Ziel warst?

Im ersten Moment war da nur die Frage: „Bin ich jetzt Dritte oder Vierte geworden?“ Ich fand es super, wie der Sprint gelaufen ist. Für mich war es das beste Rennen der Saison. Vor dem Start hatte ich befürchtet, dass ich zu viel Zeit zum Nachdenken habe. Aber ich war die ganze Zeit voll fokussiert. Es war ja auch wirklich viel Action und ich hatte einen Job zu machen, ich musste da sein.

Wie war es dann nach der Zieldurchfahrt?

Hinter dem Zielstrich war eine Wahnsinnsstimmung. Da haben alle gejubelt, auf mich gewartet und uns angefeuert. Ich bin erstmal meiner Betreuerin in die Arme gefallen, die mich seit vielen Jahren begleitet. Das war gefühlt eine ultralange Umarmung und da ist dann durchgesickert: „Das war es jetzt.“ Dann kamen die Fahrerinnen aus meinem und anderen Teams und haben mir nochmal zur Karriere gratuliert. Es war eine schöne Abschiedsstimmung voller Freude. Schön, dass ich meine Karriere so beenden konnte. An einem Punkt, wo es mir noch richtig Spaß macht. Das finde ich schon cool.

Du hattest 2021 eines der erfolgreichsten Jahre deiner Karriere, warum ziehst du jetzt einen Schlussstrich?

Wahrscheinlich haben mir die Erfolge die Entscheidung sogar leichter gemacht. Du denkst ja immer mal wieder drüber nach, wie lange du das noch machen willst. Ich habe gemerkt, dass ich offen für einen neuen Lebensabschnitt bin, für neue Ziele abseits des Radsportlerseins. Ich habe mich gefragt, was ich noch erreichen will und welche Ziele ich mir noch setzen kann. Das waren dann Paris-Roubaix, die Tour de France und die European Championships in München. Ein tolles Event im eigenen Land als Abschluss.

Wenn du in einem Jahr zurückblickst: Welchen Teil des Lebens als Profiradsportlerin wirst du ganz bestimmt nicht vermissen?

Morgens um 8 Uhr vor dem Radrennen Reis zu essen. Bei jedem Wetter raus zum Training zu müssen. Und die Stürze, auch wenn ich während meiner Karriere zum Glück sehr wenige Rückschläge hatte.

Und was wirst du vermissen?

Vor allem die Menschen, das Umfeld im Team, mit Leuten, die die Sprache des Sports sprechen. Diese Menschen sind ja immer noch da, aber der Aufwand wird höher, sie zu treffen. Auch den Lebensstil werde ich vermissen, mit dem regelmäßigen Feedbacks und den Tipps der Trainer. Das hast du im normalen Berufsleben ja oft nicht in der Art. Ich werde die Momente vermissen, in denen wir gemeinsam unsere Erfolge feiern und genießen. Und all die schönen Orten der Welt, an denen ich Radfahren durfte.

Hast du rückblickend ein Rennen oder einen Erfolg, der dir besonders in Erinnerung werden bleibt?

Auf jeden Fall der Olympiasieg in der Mannschaftsverfolgung im vergangenen Jahr. Der stand auch emotional über den anderen Erfolgen. Olympia ist einfach das größte Sportereignis der Welt. Du bist irgendwann die Ex-Weltmeisterin, aber Olympiasiegerin bleibst du für immer. Doch es wäre unfair, mich nur auf ein Event zu konzentrieren. Ich habe so viele tolle Sachen in Erinnerung. In den letzten Wochen ist mir auch bewusst geworden, wie viel mir das Umfeld bedeutet. Dieses Team um dich herum, dass alles gibt, damit du perfekt performen kannst. Denn auch ein Einzelzeitfahren gewinne ich letztlich ja nicht alleine, sondern durch das Team.

Was hast du jetzt vor, sowohl privat als auch beruflich?

Erstmal muss ich das alles sacken lassen. Ich bin seit dem Abitur in der Spitzensportförderung der Bundeswehr, seit vergangenem Jahr bin ich auch Berufssoldatin. Das war eine riesige Chance, jetzt müssen wir überlegen, wie es weitergehen kann.

Wirst du dem Radsport verbunden bleiben?

Ich möchte gerne im Sport bleiben und meine Erfahrung weitergeben. Aber wie konkret das aussehen kann, weiß ich im Moment noch nicht. Ich könnte mir eine Tätigkeit als Trainerin gut vorstellen, aber es könnte auch etwas ganz anderes werden. Ich habe auch schon ein paar Mal bei Eurosport als Expertin reingeschnuppert. Das hat mir auch Spaß gemacht, während der Rennen mein Wissen einzubringen. Das könnte ich mir auch und ab und an vorstellen.

Manche ehemalige Profiradsportler:innen sind neuerdings vermehrt auf dem Gravelbike unterwegs. Wäre das auch für dich eine Option?

Wettkampfmässig kann ich mir das im Moment nicht vorstellen. Ich möchte erstmal keine Startnummer mehr am Trikot haben. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich gar kein Gravelbike. Ich würde das Orbea Terra aber super gerne mal ausprobieren. Hier im Allgäu gibt es zum Beispiel tolle Wege, bei denen du mit dem Rennrad irgendwann an die Grenzen stößt.

Du hast von den schönen Orten erzählt, an denen du Radfahren durftest. Wohin würdest du reisen, wenn du jetzt sofort starten könntest?

Ich würde ja gerne „Baskenland“ sagen, aber da hat es irgendwie immer geregnet, wenn ich dort war. Toll fand ich aber immer das Trainingslager in Calpe bei Valencia. Gerade im Frühling ist es dort sehr schön. Mein Favorit ist aber Australien mit dieser ganz anderen Welt, der Natur, den Tieren.

Eine Reise als Radprofi nach Australien wäre ja durchaus noch möglich gewesen. Schließlich finden dort vom 18.-25. September die Weltmeisterschaften statt.

Ja, da habe ich mir natürlich Gedanken drüber gemacht. Ich war ja in letzter Zeit auch ein paar Mal mit dem Bahnrad dort und habe verschiedene Teile des Landes gesehen. Aber ich hoffe die Gelegenheit wird sich nochmal ergeben, das Land dann auch von einer anderen Seite zu entdecken. Dann eben mehr als Touristin. Ich werde die Weltmeisterschaften aber auf jeden Fall verfolgen, die Daumen drücken und viele WhatsApp-Nachrichten schreiben.

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