Hart für den Körper, gut für die Seele

Denn was hart für deinen Körper ist, ist gut für deine Seele

Text: Douglas McDonald

Es war ein verdammt hartes Jahr – und zwar für praktisch die gesamte Welt. In Spanien waren wir lange an unsere Häuser und Wohnungen gefesselt. Keine Chance aufs Radfahren, dafür viel Zeit zum Nachdenken. Am härtesten war für mich und meine Mountainbike-Freunde wohl der Ruf der Berge. Ständig waren sie in unseren Gedanken. Aber gerade weil wir sie so vermissten, begannen wir anders über sie zu denken. Eingesperrt in unsere vier Wände entwickelten wir ein ganz anderes Verständnis für die Umwelt und unseren Umgang mit ihr. Für mich persönlich war es dieses tiefe Verlangen, die besondere Verbindung zu den Trails und den Bergen zu spüren, die mein Bike mir eröffnet. Ich wollte nicht einfach mit Vollgas durch die Landschaft ballern, sondern das Erlebnis genießen und tief in meine Seele aufsaugen. Nur ich und die Welt um mich herum. Ich wollte die Fesseln des Lockdowns abschütteln. Ich wollte frische, saubere Luft atmen und unter dem Sternenhimmel schlafen. Ich wollte einen großen Bogen um Städte und Hotels machen. Und ich wollte auch ein bisschen leiden. Denn was hart für deinen Körper ist, ist gut für deine Seele.

Video: Martín Campoy

Ich glaube ich brauchte auch einfach ein klares Ziel, um mich während des Lockdowns zu motivieren. Ich brauchte einen Grund für die langweiligen Fitnesseinheiten zuhause, die zahllosen Stunden auf dem Rollentrainer oder das Herumhüpfen mit meinem Bike in der Garage. Diese Motivation gab mir die Strecke, die ich schon seit einiger Zeit im Kopf hatte. Ich wollte drei unserer liebsten Bike-Reviere in den Pyrenäen aneinanderreihen und dabei den Aneto umrunden – den höchsten Berg der Pyrenäen. Und dank der Hilfe durch unsere Freunde von Trekking Mule konnten wir unterwegs einige tolle Camping-Spots hoch oben in den Bergen nutzen. Denn auch wenn ich ein bisschen leiden wollte, lehne ich doch eine heiße Mahlzeit und ein Glas Wein nicht ab. Wir sind hier schließlich in Spanien.

Ich habe Orbea gefragt, ob sie uns helfen wollen, den Trip festzuhalten. Sie haben sich sofort bereit erklärt, uns einen Kameramann und einen Fotografen mitzuschicken. Also habe ich alte Freunde angerufen und ein Team zusammengestellt. Es verstand sich von selbst, dass ich Kike Albeira einladen musste. Einen entspannten Typen und großartigen Fotografen, der auch noch ziemlich gut mit einem Bike umgehen kann. Für das Bewegtbild war Martin Campy zuständig, einer der schnellsten Biker der Pyrenäen, ein Meister an der Ukulele und natürlich auch an der Kamera. Dann hätten wir da noch Quiri, einen weiteren Orbea-Botschafter mit einem tollen Youtube-Kanal. Quiri hat in den 80ern in einer Punkband gespielt. Heute reist er singend und trommelnd durch die Welt. Auch Paul Humbert vom Vojo Magazine musste einfach mit. Paul war schon bei unserem allerersten Pyrenäen-Trip an Bord, den wir mit Orbea unternommen haben. Und schließlich wären da noch Borja und ich von basqueMTB als Organisatoren des Trips.


Erstmal brauchten wir natürlich einen Namen für dieses Abenteuer. Ich nenne es: Tour de Aneto. Ein Trip mit drei Übernachtungen, der das Cinca-Tal mit dem Benasque-Tal verbindet, dann weiter ins Val d’Aran führt, bevor es über einige der höchstgelegenen, fahrbaren Trails der Pyrenäen wieder zurück nach Benasque geht. Die Strecke ist anspruchsvoll, aber dafür bietet sie einige der besten Trails der Pyrenäen und unfassbar tolle Camping-Spots.

Getroffen haben wir uns in Ainsa, einem perfekten Ort zum Start in ein Pyrenäen-Abenteuer. Die Stimmung war großartig, als wir uns per Ellenbogen-Check begrüßten und noch ein paar letzte Ersatzteile in den Radläden vor Ort besorgten. Von hier ging es nach Norden, in das hübsche Bergdörfchen Sarevillo, in welchem wir unseren Van zurückließen. Unser Ziel des Tages: Ibon de Plan zu erreichen, wo das Team von Trekking Mule bereits unser Camp aufgebaut haben würde. Die Jungs von Trekking Mule sind gute Freunde und wir haben in den vergangenen Jahren viele Trips mit ihnen absolviert. Es war großartig, Alberto, Alvarro und ihre Maultiere oben in den Bergen wiederzusehen.

Überhaupt kann ich es mir kaum vorstellen, diese Jungs an einem anderen Ort als weit oben auf einem Berg zu treffen. Jungs, die mehr Tage im Jahr im Camp als in Häusern verbringen und die an der Seite ihrer Maultiere draußen an der frischen Luft leben.

Einfach gute Menschen, die ihre Tiere genauso lieben wie ihre Berge. Menschen, deren Gesichter gleichermaßen von der Sonne und ihrem Lächeln gezeichnet wurden. Als wir sie erreichten, waren unsere Zelte bereits aufgebaut und das Essen stand auf dem Feuer. Wir saßen zusammen und spürten förmlich, wie die klare Luft und die weite Landschaft unsere Seele aufblühen ließ. Langsam verabschiedete sich die Sonne und die Sterne begannen zu funkeln. Wein wurde nachgefüllt. Und als der Wein schließlich leer war, wechselten wir zum Whisky. Bis tief in die Nacht lauschten wir der Ukulele und sangen. Irgendwann verschwanden dann alle in ihren Zelten. Aber ich entschied mich im Freien zu schlafen und den Sternenhimmel über den Berggipfeln zu beobachten, bis ich schließlich in einen tiefen Schlaf fiel.

Die folgenden Tage waren unglaublich. Und obwohl sie hart für den Körper waren, waren sie gut für die Seele. Die Tage begannen mit einem sehr frühen Frühstück. Bei Kaffee, Toast und noch mehr Kaffee genossen wir den Blick über das Hochgebirge. Wir warteten, bis die Sonne die Bergluft ein wenig aufgewärmt hatte, dann ging es mit den Bikes auf unseren Rücken hinauf zum Hochgebirgspass und von dort in endlos lange, fantastische und technische Abfahrten. Den Aneto immer zu unserer Rechten arbeiteten wir uns im Uhrzeigersinn um den Berg, wobei die Abfahrten uns jeweils von einem Tal ins nächste brachten. Dort angekommen, konnten wir uns jeweils noch ein wenig mit unseren Bikes austoben, bis es Zeit war, zum nächsten Camp aufzubrechen. Im Camp waren die Zelte schon aufgebaut, das Essen bereit und der Wein entkorkt. Wir beobachteten den Sonnenuntergang, freuten uns über das großartige Essen und den noch besseren Whisky. Und wir sangen zu Martins Ukulelespiel, während die Sterne funkelten. So stellte sich jeden Abend nur noch eine Frage: „Schlafe ich heute im Zelt oder draußen?“

In jedem Tal trafen wir auf alte Freunde und Kollegen wie Chris von Pyrenees Connection oder Mark und David von BikeParksArran. Menschen, die ihre Täler geformt haben und dabei von ihren Tälern geformt wurden. Es war toll, alte Freunde wiederzusehen und einen Teil unseres Abenteuers mit ihnen zu erleben. Dabei verführt jedes Tal uns Mountainbiker mit seinem eigenen Charakter, geprägt von ihrer Geografie aber auch von den Erbauern der Trails. So erlebten wir an einem Tag die wohl unflowigsten Trails, die man sich nur vorstellen kann. Wir mussten all unsere Tricks und all unsere Technik aufwenden, um irgendwie über dieses Meer aus Felsen und durch die scheinbar unfahrbaren Kurven zu kommen. Zum Ausgleich ging es anschließend gefühlt stundenlang über einen traumhaften Trail mit natürlich geformten Kurven ohne Ende. Genau das sind die Pyrenäen: eine ehrliche, anspruchsvolle Mischung, die einen vielseitigen Biker verlangen. Und der wiederum braucht ein Bike, dass sich jedem Fahrstil und jedem Untergrund anpasst, von schnell und flüssig bis rau und technisch. Denn wir waren wirklich auf einem abwechslungsreichen Mix aus Trails unterwegs, von speziell fürs Mountainbike gepflegten Strecken bis zu Hochgebirgspfaden, die hauptsächlich von Bergsteigern genutzt werden und nur selten ein Fahrrad zu Gesicht bekommen. All die Menschen, die wir während unseres Abenteuers getroffen haben, zeigten großes Interesse an unseren Bikes und wollten alles über unseren Trip wissen. Es ist wichtig, dass wir diese ganz besonderen Plätze teilen und uns gegenseitig mit Respekt begegnen, egal ob Bergsteiger, Wanderer oder Biker. Nur so können alle diese einzigartige Welt genießen.

Nach vier spannenden Tagen auf den Bikes neigte sich unser Abenteuer dem Ende. Es war kurz, aber sehr intensiv. Zum Abschluss wartete noch eine Abfahrt mit 2000 Tiefenmetern hinunter ins Valle de Benasque. Ins Örtchen Benasque selbst, um genauer zu sein. Und um es ganz genau zu sagen, endete der Trail an der Bar des Hotels San Anton, wo wir den Abschluss unseres Trips nach dem Motto „Order beer, drink, repeat“ feierten. Es wurde auf Rücken geklopft und Ellenbogen-Checks ausgetauscht. Die Tour de Aneto war Geschichte und sie war genau das, was wir so dringend gebraucht hatten. Es war so befreiend, endlich wieder draußen unterwegs sein zu dürfen, die Umwelt neu zu entdecken, mit Freunden unterwegs zu sein. Unser aller Seele hat dieser Trip spürbar von einer großen Last befreit. Denn wie gesagt: Was hart für deinen Körper ist, ist gut für deine Seele.

Ich kann diese Geschichte nicht schreiben, ohne auf die Pandemie einzugehen, in der wir uns aktuell befinden. Denn sie hat uns nicht nur ein Stück weit zu diesem Trip gebracht, sondern ihn auch geprägt. Ständig fanden wir uns in neuen Situationen und teilweise galten in einem Dorf andere Regeln als im nächsten. Wir wollten sehr respektvoll mit den Menschen in den Dörfern umgehen und haben jeweils sofort Masken aufgesetzt und versucht so gut es ging Abstand zu halten. Ihr werdet im Video feststellen, dass anfangs nicht jeder eine Maske trägt. Im Laufe des Videos ändert sich das, weil die Empfehlungen während unseres Trips verändert wurden. Jeder von uns hatte sein eigenes Zelt oder hat unter freiem Himmel geschlafen. Im Auto haben alle ihre Masken getragen und die unter Freunden üblichen Umarmungen wurden durch Ellenbogen-Checks ersetzt. Die sechs Personen, die diesen Trip mitgemacht haben, hatten sich in den Wochen zuvor alle in Isolation begeben. Wir haben entschieden, immer Masken zu tragen, wenn es enger wurde. Doch auf den Bergen war das nicht immer möglich. Wir haben täglich die Temperaturen der Teilnehmer gemessen und Desinfektionsmittel genutzt, sobald wir die Handschuhe ausgezogen haben. Wir haben uns sicher und vor allem sehr willkommen von den Menschen in den Dörfern gefühlt. Im Anschluss an den Trip zeigte keine der beteiligten Personen oder mit den beteiligten Personen in Kontakt gekommenen Menschen Covid-19-Symptome. Wir wollen an dieser Stelle nicht politisch werden, aber bitte bleibt gesund und versucht euch und die Menschen um euch herum zu schützen. Lasst uns hoffen, dass wir dieses Virus bald besiegen und wieder unbesorgt mit dem Mountainbike durch die Berge fahren können.

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